Das Leben ist voller Geschichten.

Was wäre eine Institution wie die Stiftung Waldheim ohne prägende Persönlichkeiten. Einige der Bewohner, die in den letzten 75 Jahren Geschichte(n) geschrieben haben, stellen wir Ihnen hier vor.

Otto Muff – der erste Bewohner.

Otto Muff, der am 28.6.1943 mit der Diagnose Schizophrenie in die vor der Schliessung stehende Institution Eben-Ezer «im Schutz» in Walzenhausen eingetreten war, trug dazu bei, dass es zur Gründung des «Waldheims» kam. In seinem Büchlein «Ich ziehe meine Kreise» erzählt Stiftungsgründer Josef Kämpf, dass er Otto versprach, «dafür zu sorgen, dass du stets ein Zuhause hast.» Nach dem definitiven Aus des Eben-Ezers musste Josef Kämpf handeln. Mit dem Einzug ins Gründerhaus per 1.7.1943 konnte er sein Versprechen einhalten, und in der Folge zog Otto mit ihm von einem neu gegründeten Heim zum nächsten. Ab 1970 wurde dann das Wohnheim Morgenlicht zu Ottos letzter Heimat. Schon seit Jahrzehnten praktisch verstummt, waren Gespräche mit Otto nicht mehr möglich. Als damals ältester Bewohner im Heim beschränkte sich sein Tagesablauf vorwiegend darauf, das Geschehen auf der Gruppe zu beobachten. In seinen letzten Lebensjahren machten ihm gesundheitliche Probleme mehr und mehr zu schaffen, und zwei Tage nach einem Herzinfarkt durfte er in den Armen eines Betreuers 1992 friedlich entschlafen.

René Sommer – freundlich und fürsorglich

Der 1960 eingetretene René Sommer war vor allem im Dorf Wald oberhalb des Wohnheims Morgenlicht ein bekannter Spaziergänger, der genau wusste, wo es etwas zu bekommen gab, seien es Tabakwaren, Speisen und Getränke, oder jeweils am Donnerstag Sachen aus dem Brockenhaus. Waren Handwerker im Haus, stand René subito im «Übergwändli» und oft mit Krawatte tatkräftig bereit. Anschliessend machte er «Büroarbeiten» oder hörte Musikkassetten aus seiner grossen Sammlung. René war ein charmanter, höflicher und freundlicher Zeitgenosse, und er konnte an keinem Hund vorgehen, ohne mit diesem Kontakt aufzunehmen. Und war ihm mal etwas nicht genehm, was nicht allzu selten vorkam, war dies ganz klar in seinem Gesicht abzulesen, d.h. seine Stimmungslage war immer offensichtlich.

René Payot – 71 Jahre in der Stiftung Waldheim

René Payot ist als 15-jähriger bereits zwei Jahre nach der Gründung ins Waldheim eingetreten und hat, abgesehen von zwei Jahren Aufenthalt in Heiden aufgrund des Neubauprojekts «Wohnheim Sonne» immer in Rehetobel gelebt. René Payot erlebte sagenhafte 71 Jahre Heimat bei der Stiftung Waldheim. Aufgrund seiner Lähmung war er mehr oder weniger ans Haus gebunden. Trotzdem war er aber bei vielen Menschen wohlbekannt, denn er konnte gut kommunizieren. Wer den Haupteingang im damaligen «Neuen Waldheim» benutzte, wurde von ihm auch bei Wind und Wetter  freundlich und bedächtig begrüsst. In seinen letzten Lebensjahren hatte René mit Krebs und seiner Motivation zum Weiterleben zu kämpfen. Immer wieder raffte er sich aber auf und konnte Phasen der Erholung geniessen. Schliesslich siegten jedoch Krankheit und Altersbeschwerden, und er durfte im Kreise seiner Mitbewohner und der Betreuer sein langes Leben friedlich abschliessen.

Erich Müller – Rehetobels Spaziergänger

Der 1954 eingetretene Erich Müller lebte, unterbrochen von einem Aufenthalt in Lachen, vorwiegend im Gründerhaus und gehörte zum Dorf Rehetobel wie der schon vor ihm verstorbene René Kilchenmann. Aber auch über Rehetobel hinaus war Erich bekannt und oft anzutreffen, wenn er zu Fuss oder mit dem Postauto unterwegs war und alle, die er kannte, mit einem freundlichen, gedehnten «Hoi» begrüsste. Vor allem bei der Begegnung mit attraktiven Damen spielte er gekonnt seinen Charme aus. Zu seinen Hauptaufgaben zählte während vielen Jahren das Holen von Milch beim Bauern (mit dem Veloanhänger) und deren Ablieferung in den drei Heimen. Ausserdem übernahm er zuverlässig die Aufgabe des Postboten, indem er jeweils mit seiner Aktenmappe oben im Dorf persönlich die Post abholte.

Erich war ein Mensch, der mit einfachen Dingen zufrieden war, sei es eine kurze Umarmung, die Rösti zum Mittagessen oder einen zusätzlichen Kaffee vor dem Schlafengehen. Allerdings konnte er auch klar ausdrücken, wenn er etwas nicht mochte, denn diesbezüglich hatte er seine Prinzipien.

In seinen letzten Lebensjahren klagte Erich zunehmend über körperliche Beschwerden und verzichtete auf seine langen Spaziergänge. Umsorgt von den Mitarbeitern und Mitbewohnern, durfte er nach 63 Jahren Waldheim friedlich sein Leben aushauchen.

René Meier – Koch an Krücken

Der 1933 geborene René Meier ist im gleichen Jahr wie René Payot ins Gründerhaus eingetreten und kann im Jubiläumsjahr 2018 auf aussergewöhnliche 73 Jahre Stiftung Waldheim zurückblicken. Im Alter von drei Jahren ist er an Kinderlähmung erkrankt. So kam es, dass er sich zeitlebens mit Krücken oder über Treppen und Böden rutschend vorwärts bewegte. Seit rund 25 Jahren ist er auf einen Rollstuhl angewiesen.

René Meier kennt unzählige Anekdoten aus der Frühgeschichte der Stiftung Waldheim: «Es gab dannzumal ja noch kein Personal, also mussten die Bewohner mitanpacken. Und Arbeit gab es im Haus mehr als genug. Es wurde genäht, Hosen geflickt, Wandschoner und Kissen gestickt. Die einen mussten in der Küche rüsten und abwaschen helfen. Die älteren Bewohner hatten ausserdem auf die Jüngeren aufzupassen, dass diese keine Dummheiten anstellten. Ich war vor allem in der Küche beschäftigt. Herr Kämpf legte darauf Wert, dass wir ein Musikinstrument spielen lernen. Ich hätte Gitarre spielen lernen sollen, doch das hat mir nicht gepasst.» Also habe er «geschtürmt» und Handorgel spielen lernen dürfen. Dann habe er alte Schlager gespielt. Offenbar war René Meier technisch interessiert und begabt, was sich noch heute an der wertvollen Musikanlage in seinem Zimmer zeigt. Wenn ein Radio nicht funktionierte, bastelte er solange an diesem herum, bis es wieder ging.

Nach dem Bezug des Neubaus Bellevue 1995 lebte René bis 2002 in einer 1-Zimmerwohnung mit eigener Küche. Wegen zunehmenden körperlichen Einschränkungen zügelte er auf die Wohngruppe Sonneblueme, wo er seither die meiste Zeit in seinem Zimmer verbringt. Sowohl Wachsein als auch Sprechen bereiten ihm Mühe. Dank viel Überzeugungsarbeit seitens der Betreuer lässt er sich aber erfreulicherweise doch ab und zu an heimübergreifenden Anlässen blicken.

Hanspeter Trümpler – Sammler von Kugelschreibern

Wer heute dem Wohnheim Krone in Walzenhausen einen Besuch abstattet, kommt an ihm nicht vorbei – Hanspeter wartet meist schon hinter der Schiebetüre auf «neue Gesichter». Meist wird man mit der Frage «Wo muescht du anne?» empfangen. Und hat man dann sein Anliegen kundgetan, erhält man von Hanspeter eine freundliche und klare Wegleitung. Führt er gerade mal keine Gäste durch das Wohnheim, ist er seit vielen Jahren der zuverlässige Postbote, der den Briefverkehr des Wohnheims Krone und jener der Zentralen Verwaltung verantwortet. Landauf und landab ist seine Vorliebe für alle Arten von Kugelschreibern bekannt. Deshalb gehört fast schon zum guten Ton, wenn man Hanspeter bei einer Visite im WH Krone ein Schreibgerät mitbringt. Diese fügt er dann jeweils sehr stolz seiner umfangreichen Sammlung zu.